Alles Theater PDF  | Drucken |  E-Mail
Er wischte über den Spiegel, verschmierte die Zahnpastatröpfchen allerdings mehr als dass er sie weggeputzt hätte. Er legte die Zahnbürste beiseite und verschloß umständlich die Zahnpastatube."Wann ist mir der Gedanke erstmals gekommen?" sinnierte er."Es muß schon einige Zeit zurückliegen, ein paar Monate, ein halbes Jahr vielleicht. Mehr nicht."  Dieser Gedanke, dieser Anflug einer Idee, war Licht am Ende eines zwar nicht dunklen, aber doch recht grauen Tunnels.
Sicher jedenfalls war er sich, daß ihm der Gedanke beim Zähneputzen gekommen war. Dieses Zähneputzen war ihm immer verhasst gewesen, ein langweiliger Beitrag zur Körperpflege. Öde wie vieles, doch notwendig. Nur dieses eine Mal war es anders gewesen.
Plötzlich hatte er diesen verrückten, wahnwitzigen Gedanken gehabt. Er war dann plötzlich wieder weggewesen, genauso schnell wie er ihm gekommen war war. Verschwunden. Scheinbar verschwunden, denn Tage später war dann die Idee wieder aufgetaucht. Seit damals war sie ständig anwesend, tauchte nur noch kurzfristig in sein Unterbewusstsein ab, versteckte sich in Winkeln seines verworrenen Gehirns, war aber immer da, allgegenwärtig. Manche Menschen hätten diese Idee als gefährlich und krank eingestuft. Nicht er, denn er hielt sie für kreativ und einfallsreich.

Und so geschah es auch, daß sie langsam Form annahm, sich strukturierte. Vor zirka 2 Wochen hatte er dann mit der eigentlichen Durchführung seines Plans begonnen. Er hatte sich eine Videokamera, einen Benzinkanister und eine Pistole gekauft. Später bei der Tankstelle war er unangenehm berührt gewesen, als der Tankwart gescherzt hatte, dass er wohl ein Brandstifter wäre.
In diesen Tagen hatte er auch mit dem Briefeschreiben begonnen. Immerhin waren so fast 6O Briefe entstanden. Nicht nur Freunde und Verwandte, auch wenig geliebte Zeitgenossen sollten seine Briefe bekommen. Es waren keine gefühlsdusseligen, schweren, schleppenden Briefe, nein, sie waren voller Wortwitz, theatralischer, unhaltbarer Anschuldigungen und Sarkasmus. Das Kuvertieren hatte ihn dann wieder gelangweilt.

Er fuhr sich mit dem Kamm durch die Haare und glättete einige Strähnen mit Haargel. Er war gespannt, stand wie unter Hochspannug, wenn er an das Bevorstehende dachte.
Die Videokamera hatte er am Dach gegenüber installiert, dann die Briefe zur Post gebracht; sie würden morgen alle Trauergäste erreichen.
"Liebe Trauergemeinde, die Briefe zeugen von gutem Humor und einem gesunden Maß an Selbstironie." kicherte er.
"Hoffentlich hält der alte, lispelnde Priester die Trauerrede. Das wäre die Krönung der Feierlichkeit. Es wird ein Feuerwerk der Skurrilität sein, das Video, die Briefe, die Zeitungsberichte und dann eine verlogene Trauerrede von einem lispelnden Proleten im Talar. Besser als jedes Theaterstück. Viel besser. Bis jetzt wurde ich ignoriert, aber diesmal können sie nicht wegschauen, diesmal nicht. Das ist meine Show, mein Theaterstück. Ich bin der Hauptdarsteller, der Mittelpunkt."
Er blickte auf die Uhr. Die Videokamera war mit einer 3 Stunden-Kassette ausgerüstet, er hatte also noch rund 2 Stunden zur Verfügung. Die Kamera war exakt auf sein Wohnzimmerfenster gerichtet..

"So, es ist soweit."
Er fuhr sich noch mal durchs Haar und blickte prüfend in den Spiegel.
"Gut. Eine schöne Leiche."  er grinste  "und eine so perfekte Inszenierung, ich bin beeindruckt, wirklich ganz außerordentlich."
Er griff nach dem Kabel, dessen Isolierung er teilweise abgelöst hatte. Er wickelte sich das blanke Ende um den Hals, machte einen kunstvollen Knoten und verdrillte die freiliegenden Kupferpole.
"Alle werden fragen: Warum? Warum hat er es nur getan?"
Sie werden sich Gedanken über mich machen müssen..
"War er verrückt, verzweifelt?...Warum nur?...Er war doch so vernünftig."
Er zog den Knoten enger.
"Mit dem "vernünftig" hätten sie eigentlich den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Grund ist wohl der, dass ich immer so verdammt vernünftig war. Viel zu vernünftig. Mein ganzes Leben lang war ich zu unscheinbar, zu grau... Aber diesmal falle ich auf, bin nicht zu übersehen. Das Fensterbrett als Bühne für den Tod, die Kamera als stiller Zeuge, die Briefe... Vielleicht zeigen sie das Video sogar im Fernsehen. Der wahre Grund ist Selbstinszenierung, ein Ausbruch aus der grauen einheitlichen Masse. Nur das weiß keiner. Für alle wird es wie ein Theaterstück sein."

Er hob den Benzinkanister auf Schulterhöhe. Der Benzindampf brannte schmerzhaft in den Augen.
"Oh, Unglück, Benzindämpfe erhöhen das Krebsrisiko." murmelte er und goss sich den Inhalt des Kanisters über seine Kleidung. Benzin tropfend schlurfte er in das Wohnzimmer und blieb vor dem geöffneten Fenster stehen. Er winkte in die Kamera, die auf dem gegenüberliegenden Dach positioniert war. Er griff nach der Steckdose, die er auf dem Fensterbrett bereitgelegt hatte. Den Stecker des Kabels, dessen anderes Ende um seinen Hals gewickelt war, steckte er nun vorsichtig in die Steckdose, aber nur soweit, dass ein Stromfluss gerade noch nicht zustande kam. Er kletterte über den Heizkörper aufs Fensterbrett. Ein interessanter Anblick, wie er so hübsch und ordentlich frisiert, im Anzug und bester Laune mitten im offenen Fenster stand. Er bückte sich und legte die Steckdose vor seine Füße.
"Was wird passieren? Ich steige auf den Stecker; 220 Volt. Reflexartig betätige ich den Abzug der Waffe an meiner Schläfe. Kugel durch den Kopf. Durchschuss hoffe ich. Das wäre auf Video viel spektakulärer. Das Mündungsfeuer der Pistole zündet das Benzin, vielleicht auch bereits der Strom, keine Ahnung. Brennend stürze ich aus dem Fenster. Das Kabel spannt sich, bricht mir das Genick, wird aber kaum mehr als 80 Kilo aushalten und daher reißen. Sturz aus dem 5.Stock, aber den werde ich kaum mehr mitbekommen. Danach der große Applaus. Erinnerung und Gruseln über Wochen. Ein bravouröses Finale, spannende Inszenierung gestochen scharfe Videoqualität. Die Menschen werden mich nie vergessen. Das Theaterstück meines Lebens. Genial."
Er griff nach der Pistole.  "Der Vorhang geht auf."
Er setzte die Waffe an seine Schläfe und ohne zu zögern drückte er ab.

Ein Streifschuss, oberflächlich, nichts Ernstes.
Verdammt. Der Stromschock wäre doch zuerst an der Reihe gewesen. Gut, dann eben jetzt.
Oh, das britzelt, Ah, das kribbelt.
Gott sei Dank gleich vorbei. Raus aus dem Fenster. Benzintropfen ins Auge. Aua, das brennt.
Brennt leider im Auge doch der Anzug brennt nicht. Verdammt.
Haha, gleich das Genick, das ist das Ende.
Starker Ruck. Uups, da bleibt einem ja die Luft weg.
Das Genick, verdammt, es ist heilgeblieben.
Das Kabel, es reißt...Hipp ,Hipp ,Hurrra!!! Jetzt wird es klappen!
Sturz, Sturz jaaa, gut...
Rosenstrauch. Kratzt. Abgebremst. Nicht tot. Dafür Knöchel verstaucht.
Verdammt.

Er war leider doch nur ein Schmierenkomödiant.

 

 

©FloSchütz
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