Herr A. leckte sich über die Lippen; ihm lief schon das Wasser im Mund zusammen, wenn er nur an das bevorstehende Festmahl dachte. Es war wohl schon ein bis zwei Stunden her, dass seine Frau in die Küche gegangen war, um das Fleisch vorzubereiten und zu braten.
Sie gab sich immer viel Mühe, und das Ergebnis ließ sich wirklich sehen. Eine bräunliche, wunderbar knusprige Kruste und erst das Fleisch... Herr A. geriet ins Schwelgen. Zart, würzig, einfach unbeschreiblich gut. Im Augenblick des ersten Bissens wusste er immer, dass dieses herrliche Fleisch den Aufwand wert war.
Die lange Aufzucht, das Geld für das Futter, den beheizten Keller, den er extra hatte einrichten lassen.
Er nahm auch gerne in Kauf, dass seine Frau weniger Zeit für ihn hatte,
weil sie es war, die die Fütterung vornahm und für Sauberkeit im Keller
sorgte. Alles in allem vergingen 10-12 Monate vom Wurf bis zum Verzehr
der schmackhaften Kreatur.
Herr A. richtete sich auf, lauschte angestrengt. Wieder vernahm er das
vertraute Klopfen des Löffels auf Metall. Er wusste, dass seine Frau
jetzt Bratkartoffeln, gefüllt mit Preiselbeeren am Rande des Tablettes
verteilte.
Seine Frau verzierte und garnierte immer mit großer Sorgfalt, weil, so sprach sie immer :"Man isst auch mit den Augen."
Herr A. überlegte, wie oft er schon in den Genuss eines solchen Festmahls gekommen war. Dreimal. Nein viermal sogar.
Vorsichtig dekandierte er den Wein und blies ein winziges Stückchen
Korken vom Hals der Flasche. An einem Abend wie diesem musste alles
stimmen, jedes Detail. Die Musik, das Gedeck, der Wein. Nie schaute er
auf den Preis beim Kauf des Weines, Iieß sich gut beraten, verließ sich
aber vorallem auf seinen guten Geschmack; Bei seinen Freunden hatte A.
den Ruf eines Gourmets, prinzipiell war ihm aber egal, was andere von
seinem Geschmack hielten, er wollte einfach nur gut essen. Von klein
auf hatte er feine, gut gewürzte Mahlzeiten geschätzt und oft genossen.
Er aß oft gut und viel, verhasst allerdings waren ihm Leute, die nicht
maßzuhalten verstanden und täglich schlemmten als sei es das letzte Mal.
A. hatte seine eigene Philosophie; zwischen den üppigen Festessen, die
natürlich nicht immer sein speziell gezüchtetes Fleisch beinhalteten,
hielt er strenge Diät und ernährte sich ausschließlich von Äpfeln, Brot
und Milch. Herrlich karge Mahlzeiten, die seinen Gaumen auf die
Festessen vorbereiteten, ihn entwöhnten, um ihn dann, nach langer
Fastenzeit, wieder auf das Beste zu versöhnen.
Kummer bereitete ihm nur seine Frau, die leicht dicklich wurde,
üppiger. Von Aufzucht zu Aufzucht legte sie an Gewicht zu, nicht
erschreckend viel, aber doch soviel, dass es ihm aufgefallen war. Ihre
Brüste waren auch schwerer als früher und sie war wohl, was andere
Leute als mollig bezeichneten.
A. gab ein Schlückchen Wein in sein Glas. Vorsichtig kreisend hielt er
das bauchige Glas gegen das Licht und betrachtete die Schwebeteilchen.
Er bewegte das Glas hin und her, war ganz im Bann des Farbenspiels des
sich brechenden Lichts. Der Wein hatte eine herrlich rubinrote Farbe,
ein feines, fruchtiges Bouquet. Wieder schwenkte er das Glas und
beobachtete die matten Reflexionen. "Chateau Neuf du Pape.1864. Ein
gutes Jahr, nein, ein wunderbares Jahr " flüsterte er.
Gerade als er einen Schluck probieren wollte, schreckte er auf und
stellte das Glas beiseite. Herr A. war zu kultiviert und zu sehr darauf
bedacht, keinen Schatten über das Festmahl kommen zu lassen, als dass
er ohne seine Frau mit dem Wein begonnen hätte. Er lehnte sich zurück,
schloss die Augen und entspannte sich. Auch die nächsten Tage würden
gutes Essen bringen. Einen Tag würde es Kaiserbeuschel mit Rahm und
Obers geben, einmal Leber. Die Leber wusste A. besonders zu schätzen:
Sie war weicher als Kalbsleber, viel weicher. Sie zerging fast auf der
Zunge. Die Leber der Kreatur hatte wohl weniger eingelagerte
Bindegewebszellen als Kalbsleber. Der Vergleich zu Schweinsleber war
wie Tag und Nacht, wie schwarz und weiß, wie Vielfraß und Gourmet.
Herr A. erwachte aus seinen Grübeleien. Jetzt war es soweit, er hörte
seine Frau mit der geschlossenen Tür kämpfen. Und dann stand sie vor
ihm. Der Augenblick, den er solange ersehnt hatte, war gekommen.
Sie lächelte, strahlte und präsentierte voller Stolz ihr Meisterwerk.
Knusprig brutzelnd lag es auf dem Tablett, mit Speck gespickt, von
Bratkartoffeln umgeben. Frische Petersilie steckte in den rosigen Ohren
und ein Äpfelchen im Mund. Herr A. war hingerissen.
Schweigend, um die Feierlichkeit nicht zu entehren, griff er nach dem
Tranchiermesser und begann den Braten fachgerecht zu zerlegen. Erst
jetzt bemerkte er, dass der Bauch mit Semmelteig gefüllt war.
Anerkennend gratulierte A. seiner Frau zu dieser Neuerung.
Herr A. Iiebte Veränderungen, kleine Überraschungen, das Grundgerüst musste aber das Gleiche bleiben.
Vorsichtig, fast zärtlich trennte er ein Stückchen ab und schob es sich
dann rasch in den Mund. Frau A. betrachtete ihren Mann angespannt,
während er gleichmäßig kaute. Sie wartete auf sein Urteil, er aber
sagte nichts, hielt die Augen geschlossen und genoss.
"Wunderbar." Frau A. lächelte glücklich. "So weich, so zart, du bist wirklich die Königin der Küche."
Und während er aß, freute er sich bereits auf das nächste Festessen,
das wie er wusste, nicht sobald folgen würde- zumindest nicht mit
Spezialfleisch.
"Wann wird es wieder so einen kulinarischen Höhepunkt geben ?"
Frau A. überlegte. "Naja, 10 Monate Aufzucht ab dem Wurf, dann ist das
Fleisch am schmackhaftesten. Und bis zum Wurf noch 2 Monate. "
Frau A. lehnte sich zurück und streichelte über ihren dicken Bauch. Sie
fuhr mit ihren Fingern über die Wölbung, die sich unter ihrem Kleid
abzeichnete- zwar nicht zärtlich, aber sorgsam.
"Ich hoffe du machst uns auch so viel Freude."
©FloSchütz
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