Die Hasenscharte PDF  | Drucken |  E-Mail
Es war einmal ein kleiner, hässlicher Junge. Nicht nur das er vom Wuchs zu klein geraten war, schien er gebückt und belastete, ja fast unterdrückt zu sein. Dünne braune Haare wuchsen auf seinem Kopf, und seine Mitschüler hänselten ihn wegen seinen blassen Augen. Sie waren bei genauerem Hinsehen blau, aber kein reines, klares blau, sondern ein farbloses, metallisches und vor allem ein langweiliges. Das hätte den Jungen aber alles nicht gestört, denn er war es gewohnt, belächelt zu werden.

Eine Eigenart aber machte ihm wirklich zu schaffen: Seine Hasenscharte. Er hielt sie für entstellend und widerwärtig. Jeder konnte sie sehen, sie war unübersehbar. Ihretwegen zeigten die anderen mit dem Finger auf ihn. Was er als kleiner Bub noch nicht verstand, war die Tatsache, dass die Hasenscharte nicht real, sondern imaginär war. Man konnte rein optisch keinerlei krankhafte Veränderung entdecken. Er bildete sich ein, von einer Hasenscharte entstellt zu sein, obwohl er körperlich völlig gesund war. Wodurch er diese Neurose bekommen hatte, wusste keiner, am wenigsten er selbst. Felsenfest war er davon überzeugt ein hässliches Monster zu sein. Er bildete sich ein, dass die kleine Rinne zwischen Nase und Mund mitsamt dem darunterliegenden Oberkiefer nicht mitsammen verwachsen war und diese kleine Stelle seinen gesamten Körper entstelle. Er schämte sich und weigerte sich auch mit anderen Kindern zu spielen. Dadurch wurde zum Einzelgänger, der er ohne Hasenschartenkomplex mit Sicherheit nicht geworden wäre. Er wandte sich zusehends mehr und mehr von der Welt ab und vereinsamte. Das Lachhafte an der ganzen Sache war, dass er sich durch etwas Eingebildetes den Weg in die Welt versperrte. Er hätte vieles erreichen können, aber durch seine Einsamkeit verlor er das Gespür mit anderen Menschen vernünftig zu kommunizieren. Er begann in unvermeidbaren Unterhaltungen zackig zu sprechen und presste abgehackte Sätze hervor, um wohl sein kindliches Gestottere, das er nie abgelegt hatte, zu übertünchen. Kein Wunder, dass ihn seine Mitmenschen für kauzig und etwas seltsam hielten. Täglich stand er vor dem Spiegel und begutachtete seine Hasenscharte. Das Verrückte war, daß er sie sehen konnte, real sehen konnte. Er konnte sie berühren, in sie mit dem kleinen Finger eindringen, kurz alles machen, was bei einer realen Hasenscharte möglich gewesen wäre. Als er ungefähr zwölf Jahre alt war, brachte ihn seine Tante zu einem Psychiater in Wien. Doch auch dieser konnte nicht helfen. Nein, im Gegenteil, der kleine Junge überzeugte den Psychiater  in seiner zackigen Sprache davon, dass er eine Hasenscharte hätte. Trotz seltsamer Sprachmelodie und wirren Argumenten hatte er eine ungeheure Überzeugungskraft, die allerdings selten zum Ausdruck kam, weil er eben wenig redete.
Befremdlich wirkte, dass er stets trachtete durch diverse Gesten den Fleck zwischen Mund und Nase zu verdecken, um seine Hasenscharte zu verstecken. Er glaubte durch natürliche, und wie er sich einbildete unauffällige Gesten, langwieriges Schnäuzen, Husten, umständliches Aufstützen auf den Ellenbogen mit der Hand vor dem Mund und ähnliche Tricks seine eingebildete Hässlichkeit zu verbergen. Er war prinzipiell nicht schön. Seine langweiligen Augen die dünnen Haare und seine seltsame Sprache ließen das keinesfalls zu. Nur wirklich schlimm machte es seine Hasenschartenparanoia, die seine gesamte Körperhaltung beeinflusste. Tiefgesenkter Kopf, gebückte Haltung und starrer Blick. Er sah alt aus, auch als Junge glaubte man weit in ihm drinnen, einen alten gebückten Mann zu sehen. Sein Komplex hatte seine Jugend hinweggerafft.

Als seine Pubertät so halbwegs beendet schien und sich sein Bartflaum verdichtete, beschloss er, die hässliche Stelle zwischen Nase und Mund durch einen Oberlippenbart zu verdecken. Er stutzte ihn auf die selbe zackige Art, wie er auch kommunizierte: Er schnitt ihn eckig, als kleines Viereck, das ähnlich einem Pflaster, über seinem Mund ansetzte.
Es war wie ein kleines Wunder. Man glaubt nicht, was diese kleine Veränderung mit sich brachte. Er wurde selbstbewusster, mied Menschen nicht mehr im gleich Ausmaß wie bisher und begann sogar, Gefallen an seiner zackigen Sprache zu finden. Er genoss es immer mehr, sich selbst reden zu hören, obwohl ihm gleichgültig war, was er redete. Er freute sich, eine Bürde abgestreift zu haben.

Als der kleine, gebückte Mann, mit fahl-blauen Augen eines Tages realisierte, dass er durch den eckigen Oberlippenbart seine Hasenschartenneurose abgelegt hatte, dachte er, dass es wohl an der Zeit wäre, irgend etwas Auffälliges zu tun: So beschloss er, Diktator zu werden.

 

 

©FloSchütz
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