Er hätte auf sie aufpassen, sie pflegen und fürsorglich betreuen sollen, stattdessen tötete er sie. Er ermordete die hilflosen Geschöpfe, die zu klein und winzig waren, um seinen Mordgelüsten irgendeinen Widerstand entgegen zu bringen. Den Tag begann er, wenn er früh morgens zur Arbeit kam, mit der Exekution von einem seiner Schützlingen.
Es schien auch niemanden wirklich zu verwundern, dass die kleinen
Geschöpfe nur kurz lebten und die Sterblichkeitsrate enorm hoch war. Da
er Gift verwendete, waren auch keine Spuren von äußerer
Gewalteinwirkung zu bemerken.Menschen werden auf Verbrechen erst
aufmerksam, wenn sie nicht mehr wegschauen können.Ein einziges Mal
hatte der Chefverwalter ihn in sein Büro gebeten und sich einen
detaillierten Bericht über die ungewöhnlichen Sterbefälle geben lassen.
Jener war verwundert, ahnte aber nichts. Den Verdacht, daß
vorsätzlicher Mord im Spiel sein könnte, hatte noch niemand gehabt. Bis
jetzt noch nicht zumindest, und das würde noch lange so bleiben. Er war
schließlich nicht der einzige Bedienstete und, käme einmal ein Verdacht
auf eine unnatürliche Todesursache auf, wäre er mit Sicherheit nicht zu
überführen. Offiziell waren die verfrühten Abtritte auf unglückliche
Zufälle zurückzuführen; es war den kleinen Geschöpfen eben kein langes
Leben vom lieben Gott geschenkt worden. Pech, der Fehler niemandes,
außer des Schicksals, wenn man so will.
Die kleinen Häufchen Elend waren seiner Gewalt uneingeschränkt
ausgesetzt und konnten sich auf keine Weise gegen seine mörderische
Willkür behaupten. Er war der Herr über ihr Leben, er konnte über ihr
weiteres Verbleiben auf Gottes schöner Welt entscheiden.
Einmal hatte einer versucht, seinem Schicksal zu entgehen, indem er
davon gekrabbelt war und sich unter einem Waschbecken versteckt hatte.
Er hatte ihn dennoch gefunden und ihn grausamer und langsamer getötete,
als alle vor ihm. Er hatte quasi ein Exempel statuiert, um solche
Ungehörigkeiten in Zukunft zu unterbinden. Und es hatte funktioniert.
Seit damals hatte es auch kein Aufbegehren mehr gegen den Tod gegeben.
Er mordete munter weiter; er war der Eichmann des Schmetterlingshauses
und die Schmetterlinge fürchteten ihn, so schien es zumindest. Kein
Falter verirrte sich in seine Nähe, alle mieden ihn.
Wenn er mit der Spraydose loszog, einem der geflügelten Kerle den
Garaus zu machen, schienen sich die potentiellen Opfer in eine Ecke zu
drängen und zu hoffen, dass es nicht sie erwischen würde.
Hatte er erst einmal ein Opfer entdeckt, ließ er nicht locker, bis er
es gestellt hatte. Meist fixierte er mit einem Finger die Flügel,
schnippste ein-, zweimal auf den Kopf, riss oft einen Fühler aus und
besprühte er es einige Sekunden mit Insektenvertilgungsspray. Dann ließ
er sein Opfer los und schaute ihm beim Sterben zu. Sie taumelten ein
wenig, flogen Schrauben und stürzten schließlich wie getroffene
Kampfpiloten vom Himmel.
Ein besonders interessanter Aspekt war für ihn, dass die Schmetterlinge
in aller Herren Länder eingefangen, aufgepäppelt und verschickt wurden
zu dem Zweck die Leute zu erfreuen, aber letztlich doch nur ihm ein
königliches Unterhaltungsprogramm lieferten. Man muss zugeben, dass sie
ihm auch echte und ehrliche Freude bereiteten, nur nicht im typischen
Sinn. Für ihn war es so, als ob sie extra für ihn eingeflogen würden,
quasi zu ihrer Exekution angeliefert wurden.
So wäre es wohl auch weitergegangen, wenn nicht Hugo so tapfer und
selbstlos gewesen und dem Peiniger in den Mund geflogen wäre. Der böse
Wicht begann zu husten und zu prusten und erstickte dann an Hugo.
Noch viele Generationen später erzählten die alten Schmetterlinge ihren Enkeln von Kamikaze-Hugo.
©FloSchütz
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