ER PDF  | Drucken |  E-Mail
Er war bester Laune. Es war ein ausgelassener Abend gewesen. Er hatte mindestens acht Bier und einige Schnäpse intus; ein gutes Gefühl. Er war herrlich benebelt und hatte die ewigen Streitereien mit seiner Frau bestens verdrängt.Zuerst zog er an der Türklinke, bis ihm einfiel, dass die Wohnungstür nach innen aufging. Er stolperte in das Vorzimmer und torkelte Richtung Wohnzimmer.
Er knipste das Licht an und blickte sich im Raum um. Totales Chaos grinste ihn an, völlige Unordnung. "Verdammt, was treibt sie den ganzen Tag? Die Wohnung verwüsten oder veranstaltet sie Hexenkränzchen?" Er bahnte sich seinen Weg durch Berge ungebügelter Wäsche. Da erblickte er sein Säckchen Glückskekse, das er extra aus Chinatown in San Francisco mitgenommen hatte. "Alle aufgegessen. Blödes Weib, sitzt nur herum und isst auch noch meine Glückskekse." Auf einem dreckverkrusteten Teller erspähte er den Schicksalszettel eines Glückskekses. Mühsam entrollte er das kleine Stück Papier.  "Something on TV will inspire you to do great things."
"Meine Frau und große Dinge...was will die schon groß machen."
Er schaltete Fernseher und Videorecorder ein und drückte auf "Play". Seine Frau war offensichtlich beim Fernsehen zu müde geworden, weil das Band mitten in einem Film angehalten worden war. Ihm wurde übel, weil die Filmsequenz, die da lief, ziemlich blutrünstig war: Ein Kind schlachtet mit dem Elektromesser kleine Hunde ab und verkocht sie. Die Mutter des jugendlichen Tiermörders isst sie, ohne etwas zu bemerken. Am nächsten Tag bekommt sie den gichtigen Nachbarn vorgesetzt. Im Laufe des Films wird die ganze Nachbarschaft zerstückelt und jedes Mal speist die Mutter mit noch größerem Appetit.
"So ein Käse! Und so was sieht sich meine Frau an." Er schnipste den Zettel des Glückskekses vom Tisch.
Er rülpste und kicherte: "Jetzt gehe ich aufs Klo und drehe mich beim Pinkeln im Kreis- meiner Frau zuliebe."  Und mit verschmitztem Gesichtsausdruck schlich er in Richtung Klotür. Auf dem lockeren Dielenbrett blieb er stehen und begann hin und her zu schaukeln. Insgeheim hoffte er auf einen Auftritt seiner geliebten Gemahlin; zeternd, schimpfend, wenn möglich mit Lockenwicklern im Haar. QUIETSCH! Herrlich, gleich würde sie kommen. Er konnte beinahe fühlen, wie sie aufstand und zur Zimmertür schlich. Leise um ihn im passenden Moment zu überraschen und zur Rede zu stellen.
Als er im WC war hörte er ein Geräusch.  "Jetzt kommt sie also." dachte er und laut sagte er:  "Schatz, bist du das?"  Er machte eine elegante Piourette und färbte die Kacheln gelblich. Er öffnete die WC-Tür und trat aus dem WC, schaltete das Licht aus und tappte im Dunklen in Richtung Wohnzimmer. In der Mitte des Vorzimmers blieb er aber stehen und überlegte, ob er noch ein Bier kippen sollte. "Ob ich noch ein kleines trinke? Überredet! Das fehlt mir jetzt noch zu meinem Glück. Und nachher gehe ich zu ihr und beschlafe die Hexe." Spaß würde er wie immer nicht daran haben, nur er wollte sie aufwecken und sie ein wenig ärgern.
UMPF!
Er wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen, weil 20 Zentimeter Stahl in ihn eindrangen. Er kapierte natürlich nicht, was da passiert war, aber er war sicher, dass seine Frau es verschuldet hatte.
"Verdammte Hexe, was ist das wieder für eine beschissene Teufelei!" wollte er sagen, konnte es aber nicht aussprechen. Er spürte fast keinen Schmerz, taumelte aber durch die Wucht des Stiches quer durch den Raum.
"Zuviel Bier, ich kann ja nicht einmal mehr gerade gehen..." dachte er. Plötzlich wurde es hell um ihn und er sah seine Frau beim Lichtschalter. Er griff sich an die Brust und bemerkte das große Fleischmesser, das in ihm steckte. Es waren wohl die Biere, die ihn den Schmerz nicht fühlen ließen. Er grunzte wonnig und dachte bereits über das nächste Bier nach. Dann wurde ihm einige Zeit schwarz vor den Augen. Als er wieder aufwachte, begriff er langsam, dass seine Frau wohl die Scheidung wollte- auf eine sehr drastische Weise.
"Töten Sie mich, aber lassen Sie meine Frau zufrieden." Stieß er hervor. Innerlich brüllte er vor Lachen. Den fast opernmäßig gesungenen Satz unterstrich er mit einem matten Dackelblick, begleitet von einer ausladenden, theatralischen Geste. Egal ob sie jetzt von ihm abließ oder nicht, dieser Satz hatte seine Wirkung nicht verfehlt, weil er hatte ihn immerhin erheitert.
Wieder verlor er für kurze Zeit die Besinnung.
"Verdammtes Fernsehen- bringt die Leute nur auf blöde Gedanken..."
Obwohl er keine Schmerzen hatte, realisierte er, dass seine Zeit gekommen war und der Sensenmann in Gestalt seiner hässlichen Frau bereits an ihm arbeitete. In seinem Suff ging ihm noch ein letzter Gedanke, eine Art Gebet durch den Kopf.
"Wenn ich schon sterben muss, dann möchte ich nach meinem Tod in der ganzen Stadt allgegenwärtig sein..."
Und so kam es ja dann auch.

 

 

©FloSchütz
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