Harry schlug die Augen auf, konnte aber nicht erkennen, wo er sich befand. Seine optische Wahrnehmung schien gestört zu sein, und er kam sich blind und hilflos vor. Er war verwirrt, schwindlig und fühlte sich wie beim Erwachen aus der Narkose nach einer Operation. Harry war zwar erst einmal operiert worden und auch das nur mit Lokalanästhesie, aber so stellte er sich zumindest die körperliche Verfassung nach einer Narkose vor.
Er fühlte sich schlapp, müde und auf eine seltsame Art aufgedunsen und dick. Seine Arme und Beine schienen schwerer als sonst zu sein und waren angeschwollen, so nahm er zumindest an, weil sehen konnte er noch immer nicht.
Er spürte den kalten Operationstisch unter sich und überlegte, ob er
wohl nackt wäre, oder ob eine von diesen grünen OP-Decken seine Blöße
verhüllte.
Diese Überlegung resultierte, wie bereits erwähnt, nicht aus eigener
Erfahrung, sondern aus diversen Erinnerungen an völlig diverse
TV-Serien wie zum Beispiel "Die Klinik", "Der Chefarzt", "Der
Landarzt", "Das blutige Skalpell", oder natürlich "Scheiße ist auch im
Hospital braun".
Langsam kamen Harries Sinne wieder zurück und er begann seine Umgebung
wahrzunehmen. Die Temperaturempfindung war die stärkste, und er
realisierte, dass es kalt war, sehr kalt.
"Unverantwortlich so eine Kälte in einem Spital.", flüsterte er, wobei
ihm das Sprechen extrem schwer fiel, und er kaum einen richtig
artikulierten Laut von sich geben konnte. Seine Lippen waren
angeschwollen und seine Zunge füllte seinen Mund fast zur Gänze aus.
Jetzt konnte er auch wieder etwas sehen, zuerst verschwommen, dann
immer klarer. Er war in keinem Operationssaal. Keine peinlichst
sauberen Kacheln, kein helles Licht, sondern ein Keller, erleuchtet von
einer Glühbirne, die von der Decke baumelte. Der Raum war zwar
verfließt, entsprach aber nicht seinen Vorstellungen von einem
Operationssaal. Die Kacheln waren schmutzig und glänzten fettig und
ölig.
Er versuchte aufzustehen, aber es gelang ihm nicht einmal den Kopf zu
drehen, geschweige denn ihn anzuheben. Harry war daher ausschließlich
auf die Bewegungen seiner Augen angewiesen, um seine Umgebung halbwegs
zu erfassen. Über seiner rechten Schulter nahm er einen Schlauch wahr,
der direkt an seinem Gesicht vorbei in ein klobeckenähnliches Gefäß
mündete. Es war, wie er sich sagte, wohl eine Infusion, die aber zu
seiner Verwunderung nicht in seinen Unterarm, sondern in sein Bein
unterhalb seines Beckens mündete. Erkennen konnte er das nur durch die
Spiegelung in einer Metallabdeckung, die den in der Wand eingelassenen
Wasserhaupthahn verschloss. Direkt auf seine Beine sehen konnte er
nicht, weil sein Bauch ihm die Sicht versperrte. Tatsächlich war sein
Bauch enorm angeschwollen, obwohl Harry als schlank galt, fast dürr. Er
war aufgebläht, von der Flüssigkeit, die da in ihn hineinlief, er war
rot, durch Tausende kleiner Venen die sich unter seiner zum Zerreißen
gespannten Haut dahin zogen. Seine Hände waren nur noch Schaufeln,
geziert durch aufgedunsene Wurstfinger, und sein Kopf war wohl das
Grauenhafteste, was er je gesehen hatte. Dieser Anblick übertraf alle
Horrorfilme. Seine Haare waren völlig abrasiert, aber auch mit Haaren
hätte er sein Gesicht kaum wieder erkannt. Die Haut war rot geädert,
die Wangen, die Nase , die Lippen, kurz alles an ihm, war auf
mindestens doppelte Größe angeschwollen. Er erschrak vor dem Gesicht,
das sich in der metallenen Abdeckung spiegelte. Nichts ihm Vertrautes
war von seinem Aussehen über. Was er sah, war eine Fratze, ein
Fleischklumpen.
Abrupt wurde er aus seinen Betrachtungen gerissen. Er hörte Stimmen.
Ihm war zwar klar, dass er in keinem Spital lag, dass das sicher keine
normale Infusion war, aber dennoch freute er sich Stimmen zu hören. Und
die Stimmen kamen näher... Innerlich seufzte er, war froh, dass er bald
aus seiner misslichen Lage befreit werden würde. Den Gedanken, dass er
hier absichtlich, aus irgendeinem unerfindlichen Grund so voll gepumpt
würde, verdrängte er vorerst.
"Immer hoffen, bis zuletzt." sagte er zu sich selbst.
Die Tür öffnete sich.
"Ärzte, es sind Ärzte...Nein wohl doch nicht, sie sind viel zu jung.
Aber alle haben weiße Mäntel an. Seltsam.... Es sind Studenten, das ist
es. Es sind Medizinstudenten. Gott sei Dank."
"Meine Damen und Herren, hier sehen sie die Erstpräparation."
"Wie lange liegt der denn schon hier?" Das war eine blonde Studentin,
die wie eine typische Streberin auf Harry wirkte. Sie trug extrem dicke
Brillen, die Harry an Bullaugen eines Schiffes erinnerten. Ihre Haare
waren von fahler, blonder Farbe und ihr falsches Interesse war ziemlich
offensichtlich.
"Er ist relativ frisch. 1 bis 2 Tage vielleicht."
"Und die Infusion, was ist das?" Wieder das Mädchen mit den Aschenbechern vor den Augen.
"Durch die Ateria femoralis werden 11 Liter formaldehydhältige Flüssigkeit in den Körper gepumpt."
"Er wird ein Professor oder Dozent sein, an ihn werde ich mich wenden."
dachte Harry. "Helfen Sie mir! Es ist unerträglich!" Aber kein Ton
war zu hören. Harries Stimme gehorchte ihm nicht, er war wie gelähmt.
Er versuchte es noch mal. "Helfen Sie mir!" Er dachte es nur, sprechen
konnte er nicht. Offensichtlich waren auch seine Gesichtsmuskeln von
der Lähmung betroffen. "Hilfe!" Es funktionierte nicht; seine Lippen
blieben starr. Nicht einmal ein Zucken. Kein Ton.
"Meine Damen und Herren, da ich merke, dass sie der Penis sehr erheitert, werde ich wohl einige Worte dazu sagen müssen."
"Der Penis ist erheiternd? Was, Gott verdammt, ist an meinem Glied
erheiternd?" Harry versuchte zu erkennen, was da das Gekicher und die
allgemeine Erheiterung auslöste, aber sein aufgedunsener Bauch
versperrte ihm die Sicht.
"Sie sehen, er ist auf zirka das dreifache seiner ursprünglichen Größe
angewachsen, sieht aber nicht erigiert aus, sondern nur riesig groß."
"Wenn man noch mehr hineinpumpt, wäre er dann steif?" fragten die
beiden gierig blickenden Augen hinter den Aschenbechern. "Wie groß
könnte er überhaupt werden?" Man merkte wie der Studentin wollüstige
Schauer über den Rücken liefen. Unbewusst hatte sie eine Hand in ihren
Schritt gekrallt.
"Tja, wenn ich jetzt aufstehen könnte, würde ich dich kleinen Streber
hier mitten in der beschissenen Leichenpräparation vernaschen."
Harry hatte inzwischen kapiert, wo er war: Im anatomischen Institut.
Und vor allem, was sie mit ihm vorhatten, war ihm klar geworden. Sie
hielten ihn für tot. Und noch schlimmer: Sie präparierten ihn bereits.
Höchstwahrscheinlich würde er in einem Seziersaal landen.
Aber es war seltsam, eigentlich unfassbar, er lag hier als lebender
Toter und es war ihm gleichgültig. Harry hatte sich nicht nur mit dem
Gedanken abgefunden, er gefiel ihm sogar. Ja und auf eine seltsame Art
war er glücklich. Er führte das auf das Formaldehyd zurück.
"Es muss eine stimulierende Wirkung besitzen. Noch nie war ich so
glücklich. Noch nie!" Es war eine seltsame innere Freude , eine
Ausgeglichenheit, die ihn erfüllte. Er empfand keinerlei Schmerz, er
war angenehm betäubt und fühlte sich wie unter dem Einfluss von
Drogen. Und er war glücklich, glücklich wie noch nie.
Die Studenten waren schon längst wieder weg, aber das interessierte ihn
auch nicht mehr. Er wusste, er würde bald sterben, allerding glücklich
sterben.
Aber er sollte noch lange nicht sterben, noch sehr lange nicht. Er
würde glücklich sein, noch sehr lange glücklich sein und irgendwann
sanft entschlafen.
Bis dahin sollten noch Jahrzehnte vergehen. Er würde seziert werden und
somit die erste glückliche Leiche im Seziersaal darstellen. Er würde
innerlich mitlachen über die Scherze der Studenten, die ihn
ausschlachten würden. Die Studenten würden gute Arbeit leisten und sein
Gehirn so sorgfältig präparieren, dass es Wert scheinen würde,
aufgehoben zu werden. Nach der Hirnentnahme würde er in ein Gurkenglas
kommen und in der Prosektur landen, fast nie gebraucht in einem
ruhigen, friedlichen Regal für viele, viele Jahre.
Ein wahrhaft glückliches Ende für Harry und somit auch für diese
Geschichte; außerdem welcher Rektor kann schon behaupten, ein
glückliches Präparat in seiner Sammlung zu besitzen.
©FloSchütz
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