Fern so fern PDF  | Drucken |  E-Mail

Heinrich war stolz auf sein Geschäft. Begonnen hatte er mit einem Würstelstand, später hatte er sich eine Imbissbude zugelegt und irgendwann hatte er die große Expansionsoffensive begonnen und sich gar einen zweiten Imbissstand gekauft. Sein Geschäft hatte immer floriert und mit der Zeit konnte er sogar ein erkleckliches Sümmchen beiseite legen. Eines Tages hatte er eine Zeitungsannonce gelesen, in der ein Frenchisenehmer für eine namhafte Fastfoodkette gesucht wurde. Er hatte sich beworben und hatte den Zuschlag bekommen.


Seit damals war er stolzer Besitzer eines "Burger für Bürger".
Er achtete penibel auf die Sauberkeit seines Lokals und versuchte keinerlei Grund für Beanstandungen zu liefern.
Irgendwann später hatte er sich einen sogenannten Scanner zugelegt, einen Scheinwerfer, der gekoppelt mit einem Computer helle Lichtkreise in den Nachthimmel zeichnete. Er hatte so etwas einmal bei einer Diskothek gesehen und war völlig begeistert gewesen. Er hatte beschlossen sich auch so etwas anzuschaffen, weniger um Kunden anzulocken, als um aufzufallen. Der Scheinwerfer war nicht allzu weit zu sehen, vielleicht im Umkreis von 3 Kilometern in einer sternklaren Nacht. Aber, so sagte er sich, Hungrige würden ohnedies nicht weiter als 3 Kilometer Fahrt auf sich nehmen um einen "Bürger Burger" zu konsumieren. Die allernächste Nähe war wichtig.

Eines Nachts, es war wie immer relativ ruhig und die Gäste konnte man an einem Finger abzählen, wurde er von einem krachenden Geräusch aufgeschreckt. Zuerst dachte er an einen Autounfall, aber als das gleiche Geräusch sich Augenblicke später wiederholte, begann er ernsthaft darüber nachzudenken Nachschau zuhalten. Von Geburt an war er ängstlich, wollte nie Aufmerksamkeit erregen, und nie und um keinen Preis auffallen. Der Scannerscheinwerfer hatte eigentlich diesem Prinzip widersprochen, aber er hatte sich gedacht, dass er nicht sehr hell sei und kaum Menschen stören könnte.
Als ihm der Scheinwerfer einfiel, packte ihn Angst. Jugendliche könnten mit Steinschleudern auf seinen Liebling schießen, aus Jux und Tollerei oder Vandalismus, wie er ihn aus dem Fernsehen kannte.
In der Hand noch die Ketchupflasche, die er in seiner Panik umklammert hielt, lief er ins Freie.

Sein erster Blick galt dem Scanner. Dieser hatte sich in eine rauchende, schwelende Masse verwandelt. Es waren allerdings keine Teenager mit Steinschleudern zu sehen, sondern drei grüne Außerirdische die mit Photonenkanonen seinen heiligen Scheinwerfer beschossen.
Vor Schreck vergaß er sogar sich zu fürchten. Angewurzelt, mit gerunzelter Stirn blieb er stehen und glotzte. Die grünen Kerle gaben noch einige gezielte Salven auf die Überreste des Haufens ab, der einmal ein stolzer Scannerscheinwerfer gewesen war, und beschränkten sich dann darauf sein Lokal kaputt zu schießen.

Heinrich schaute zu, Angst hatte er immer noch keine und er lief auch nicht  davon, wie man es von ihm erwartet, oder man es überhaupt von einem halbwegs vernünftigen Menschen erwartet hätte. Heinrich aber war weder halbwegs, noch vernünftig und tat nichts weiter als zu glotzen. Vor Heinrichs geistigem Auge war bereits der Film "Das Ende ist nahe" gestartet worden und sein ödes Leben zog an ihm vorbei. Zugegeben, das ging reichlich schnell, denn erlebt hatte er nicht viel, und was er erlebt hatte, hatte er sich nicht gemerkt. So startete der Film immer und immer wieder, und Heinrich wartete auf sein jähes Ableben.

Nachdem die kleinen Außerirdischen sein Lokal niedergeschmolzen, und  sich der Hamburgerqualm verzogen hatte, nahmen sie zum ersten Mal von Heinrich Notiz. Sie ergriffen seine Hand und führten ihn auf den Acker hinter dem Fastfoodhütten-Haufen. Dort schupsten sie den paralysierten Heinrich in ihre fliegende Untertasse, knebelten und fesselten ihn und starteten.

Stunden, Tage oder Wochen später erwachte Heinrich aus seiner Hypnose. Er befand sich irgendwo, allerdings nicht auf der Erde, nicht einmal in der gleichen Galaxie, was aber zugeben für Heinrich keinen Unterschied machte. Er schlug die Augen auf und sah zuerst einmal grün. Grün, grün, grün. Alles war grün: die Decke, die Wände, die Leute um ihn. Diese Außerirdischen klärten ihn auf, dass sie ihm Samenproben gezogen und seine Haare grün gefärbt hätten. Normalerweise kommunizierten sie mit Außerplanetarischen, der ja Heinrich auf dem fremden Planeten jetzt war, nur auf Gedankenebene. Aber das funktionierte bei ihm nicht, weil er keinerlei messbare Intelligenz besaß. Sie erklärten ihm, dass sie ihn Untersuchungen unterziehen würden, sodann einfrieren und zerschnipseln. Heinrich antwortete nicht, da er wieder einmal Angst hatte. Er fürchtete etwas Falsches zu sagen und die Menschen als unterentwickelt darzustellen. Er hatte für sich beschlossen, als Repräsentant für die Erde nicht der Richtige zu sein, lieber zu schweigen und sich tiefkühlen zu lassen.

Die Grünen hatten schon die Stickstofftanks vorbereitet, als Heinrich das Glück hatte, eine zittrige, schwitzige Hand zu bekommen. Die Ketchupflasche, die er immer noch verkrampft hielt, flutschte ihm aus der Umklammerung und fiel zu Boden. Die Extraterrestrischen, die bis jetzt geglaubt hatten, das rote Ding wäre ein externes Organ, staunten und hoben das Ding bewundernd auf. Heinrich brach sein Schweigen, unbewusst, weil seine Chance auf Überleben hatte er noch nicht gewittert.
"Eine Ketchupflasche. Seht her..."
Er entwand ihnen die Flasche, öffnete den Verschluss und spritze etwas Ketchup auf den Boden. Die Grünen kreischten und liefen wie Hühner durcheinander. Zum ersten Mal fiel Heinrich die Eintönigkeit von Grün auf. Und selbst ihm, dem Einfältigen wurde klar, dass die kleinen Außerirdischen an einer Farbneurose leiden mussten, da sie ja nichts anderes als grün gewohnt waren. Er verstand, dass die Farbe rot etwas besonderes für sie darstellte, sie erfreute und sie in hellste Erregung versetzte. Selbst Heinrich ging ein Licht auf, und er wusste nun, wie er überleben konnte, noch dazu gut überleben.

Heinrich wurde König der Grünen. Sie liebten ihren Potentaten aus ganzem Herzen, nicht wegen Wortwitz, guten Aussehens oder Intelligenz, was sie gar nicht hätten tun können, da König Heinrich nichts von alledem besaß. Sie schätzten diese Flasche mit ihrem undefinierbaren, mysteriösen Inhalt. Das Rot wirkte auf ihre sensorischen, hochentwickelten Wahrnehmungsorgane anregend und jedes Mal, wenn sie den roten Ketchuptempel, den König Heinrich errichten hatte lassen, betraten, erlebten sie völlig unbekannte Gefühle. Sie erlebten quasi geistig-sensorische Orgasmen.

Heinrich lebte gut und war erstmals in seinem Leben wichtig. Er wurde umsorgt, war mächtig und sein Dasein als König war, wie er sich in seiner Einfalt sagte, noch bedeutsamer, als ein "Burger für Bürger" zu führen.

Das änderte sich ziemlich abrupt und unerwartet, als sich Heinrich sich am Finger verletzte und einige feuerrote Blutstropfen zu Boden fielen.
Freudige Erregung bei den Grünen. Begeisterung. Idee.

Sie warfen die Liebe zu ihrem Oberhaupt über Bord, setzten ihn kurzer Hand ab und  feierten eine leuchtend rote, spritzige Blutparty.
Dieses denkwürdige Ereignis ging in die Annalen des Planeten als "der Tag des kollektiven Orgasmus" ein.

 

 

©FloSchütz
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