Er drehte die Patrone langsam. Vorsichtig, fast zärtlich berührte er die eingekerbte Spitze, strich sanft darüber. Er drückte die Patrone in die Trommel der alten Smith & Wesson 'Peacemaker'.Er holte tief Luft. "Wenn, Baby, töte mich, befördere mich bloß nicht in den Rollstuhl." Er schmunzelte: "Ohne Unterkiefer, zittrig. Nur mehr Suppe essen. Und Reisbrei...nicht mehr rechnen können, stammeln, in anderen Welten gefangen sein...
Wenn, Baby, dann töte mich. Bloß keine halben Sachen." (Das mit dem
Rechnen hatte er gelesen: Im 2. Weltkrieg hatten Überlebende mit
Kopfschüssen oftmals nicht mehr addieren können.)Seine Finger
schwitzten. Er zögerte. Zauderte. Er blickte auf die Patrone- die
einzige in der Trommel. Er atmete heftig aus, drehte die Trommel,
spannte den Hahn.
Abermals zögerte er... "Nun gut, schauen wir was passiert..."
Er drückte ab. Kein Knall, kein Blut, kein Tod, kein Rollstuhl, kein
Reisschleim- nur ein leises Klicken. Der Hahn hatte die Patrone nicht
getroffen.
"Glück gehabt, Baby. Wiedermal."
Er hatte die letzten 2 1/2 Monate jeden Tag probiert, jeden Tag
russisches Roulette gespielt. Bis jetzt hatte er Glück gehabt. Verdammt
großes Glück. 76 Tage hatte er Glück gehabt. Statistisch gesehen hätte
er spätestens am 8. Tag sterben müssen.
"Gott liebt mich." pflegte er zu sagen. "Er will mich noch nicht bei
sich. " In diesem Satz versteckte sich die Erklärung, der wahre Grund
für das russische Roulette. Weder Todessehnsucht noch Depressionen
trieben ihn zu seinem täglichen Spiel. Sein Versuchen war eine Art von
Test, nichts weiter als ein banaler Test.
Täglich testete er, ob er schon himmelwärts ziehen müsste. Und sollte
das Schicksal seinen Tod vorgesehen haben, würde er durch eine Kugel
sterben. Der Gedanke überfahren zu werden oder auf sonst irgendeine
qualvolle Weise zu sterben, war ihm so zuwider, dass er eines Tages
begann, russisches Roulette zu spielen. Jeden Tag. Wieder und Wieder.
So würde es wenigstens schnell gehen: Kein Leiden, kein langer Kampf,
keine Erniedrigungen, auf niemanden angewiesen sein, menschenwürdig die
Reise beginnen. Sollte er sterben müssen, würde er seine Todesart
selbst wählen können.
"Genug Trübsal geblasen. Schluss mit diesen finsteren Gedanken. Ein guter Morgen, ein guter Tag, kein Tag zum Sterben."
Er verließ das Arbeitszimmer, ging in die Küche und holte sich ein Stück Kuchen.
Niemand kann seinem Schicksal entkommen, hatte seine Mutter ihm immer vorgesagt, früher, als er noch ein Kind war.
"Mutter, du irrst." dachte er vergnügt.
"Ich bin meinem Schicksal entronnen. Wann ich sterben muss, werde ich
durch meine täglichen Tests bemerken. Dann aber wird es professionell
sein- sicherlich kein amateurhafter Unfall. Ein kurzer Schmerz. Und...
das war's. Aus."
Er biss herzhaft in seinen Kuchen.
"Ich werde niemals leiden. Kein Alzheimer, kein Schwammgehirn." Mit der Kuchengabel zeichnete er vage Ringe in die Luft.
"2 1/2 Monate. Täglich probiert, manchmal sogar 2 Mal am Tag, um ganz
sicher zu sein. Aber kein Zweifel, das ist kein Zufall. Ich soll leben,
zumindest bis morgen, und sollte ich dann sterben müssen, dann
wenigstens flott, ohne rührselige Abschiedsworte, dummes Gestammel,
oder sinnlose Liebeserklärungen. Ohne Vermächtnisse zugunsten von
irgendwelchen Verbänden oder Tierheimen für kriegsversehrte
Zwergpinscher."
Er leckte kichernd über seine Gabel.
"Schnell. Schnell und schmerzlos muss mein Tod sein. "
Er machte eine ausladende Geste mit der Kuchengabel.
"Ja, schnell muss es gehen. Der Tod soll bloß keine Zeit verlieren."
Tja, schnell ging es, aber etwas realer als seine Gedanken.
Er schlug schwer auf den Boden.
"Uff, verdammte Telefonschnur."
Er war über das Kabel gestolpert und lag fluchend auf dem Boden. Erst
jetzt spürte er den stechenden Schmerz in der Brust. Er rappelte sich
auf und blickte an sich herab. Kuchenkrümel klebten auf seinem Hemd.
Und die Kuchengabel- eigentlich war es nur mehr der Stiel der Gabel,
der noch zu sehen war- ragte aus seiner Brust.
Er fluchte abermals, begann aber zu husten und verwandelte den beigefarbenen Teppich in ein blutiges Aktionskunstwerk.
"Mir ist es nicht bestimmt zu sterben, ich weiß es, noch ist es nicht soweit, nicht heute, ich weiß es doch."
Dann trat eine kurze Gedankenpause ein. Sein Gesicht verzerrte sich.
"Mist, verdammter Mist. Ich habe ja russisches Roulette probiert und
weiß, dass ich leben soll. Heute ist nicht mein Todestag! Ich soll
nämlich nicht sterben, sondern ich soll dahin siechen. Ich soll im
Krankenhaus verrecken. Langsam." Die Gabel steckte tief zwischen seinen
Rippen und hatte wahrscheinlich die Lunge durchbohrt, daher auch sein
blutiger Hustenanfall.
"Kein lebensrettender Arzt, kein Siechen."
Es war eine kurze, aber äußerst logische Schlussfolgerung. So rasch es
ging, schob er sich auf den Schreibtisch zu, erreichte ihn, zog sich an
der offenen Lade hoch, stützte sich mühsam ab und griff nach dem
Revolver.
"Mein Fatum sieht Leiden für mich vor, aber ohne mich. Dem Schicksal
werde ich entkommen, das steht fest. Gut, dass ich weiß, dass mir zu
leben bestimmt ist. Aber, liebes Schicksal, so ein Leben kann ich nicht
akzeptieren. So ein's nicht. Ich werde Maßnahmen gegen mein Schicksal
setzen. Das Risiko in Zukunft behindert und eingeschränkt zu sein, ist
einfach zu groß." Diesmal lud er den Revolver nicht nur mit einer
einzelnen Patrone, sondern füllte alle Kammern der Trommel. Er spannte
den Hahn.
"Mutter, seinem Schicksal kann man sehr wohl entgehen."
Er lehnte sich zurück, machte seinen Frieden mit Gott, sagte der Welt Adieu und drückte ab.
Bumm. Aus. Schwarz. Vorbei. Langer Gang. Licht am Ende des Tunnels.
Laufen. Laufen. Licht! Licht! ...Zack.. Tür zu. Licht aus. Zurück auf
die Erde. Gelächter.
Jede Mahlzeit bestand fortan aus Haferschleim. Sein Gesicht war nur
noch eine matschige Fläche. Wie eine verfaulte Tomate- so sagte
zumindest der zuständige Arzt. Dieser hätte das aber besser nicht sagen
sollen, denn nun erzählte der Pfleger tagtäglich das Gleichnis der
suizidgefährdeten Tomate. Er konnte hören, allerdings nicht antworten.
Ausschließlich das Gehör war heilgeblieben, aber ansonsten war er stumm
wie ein Fisch und gelähmt wie ein Klappstuhl.
"Eigentlich habe ich Glück gehabt. Glück im Unglück." dachte er oft voller Hohn.
"Mein Schicksal war gnädig und hat mir nicht alle meine Fähigkeiten geraubt. Wenigstens kann ich noch rechnen."
Leider hatte ihm Mathematik nie Spaß gemacht.
©FloSchütz
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