Wie ein Vogel PDF  | Drucken |  E-Mail
Frederick dachte, der Iraner würde auf die Toilette gehen, doch da hatte er sich grundlegend geirrt. Im Gang zwischen den Sitzreihen schrie er irgendwas auf Arabisch, von dem er nichts außer "Allah!" verstand. Dann sprengte sich der freundliche Iraner, mit dem Frederick am Flughafen noch so nett geplaudert hatte, in die Luft.
Richtig sehen was da geschah, konnte Frederick eigentlich nicht. Mit einem Mal war es hell, ein greller Blitz breitete sich vom Bauch des Arabers in alle Richtungen aus. Interessanterweise hörte Frederick rein gar nichts, keinen Ton, es war scheinbar völlig ruhig. Er wusste zwar, dass ein Knall da war, aber dennoch nahm er ihn nicht wahr. Es ging alles so schnell, so rasant, dass Frederick nicht einmal Zeit hatte Angst zu bekommen. Die Situation war völlig surreal. Er kannte den Mann, der da gerade in einem Pulverblitz verdampfte. Es war ein netter Mensch gewesen, gebildet und amüsant, aber offensichtlich offenbart eine so kurze Unterhaltung doch nicht alle Facetten eines Menschen. Sie hatten sogar Adressen ausgetauscht.Die Stewardess glotzte bloß, die alte Dame neben Frederick bekam irgendetwas blutiges ins Gesicht geklatscht und schien ein wenig aus der arroganten Fassung gebracht zu sein. Frederick war amüsiert und verwirrt zu gleich. Er konnte nicht fassen, dass das ausgerechnet ihm passierte. Er kannte solche Szenen aus dem Fernsehen, doch ein Vergleich mit der Realität war nicht gerechtfertigt. Es schrie niemand, keine Panik, die ausbrach, alle saßen nur da und gafften, eben wie im Kino.
Der Iraner, zwei Sitzreihen, die Leute, die dort gesessen hatten, und die Wand des Flugzeugs waren weg. Frederick war einer derjenigen, die sich nicht gerne anschnallen. Er fuhr zum Beispiel nie angegurtet mit dem Auto. Auch diesmal hatte er direkt nach dem Start seinen Gurt geöffnet, da er, nach eigener Definition, nicht  gerne eingeengt war. Ein Fehler, wie er jetzt merken musste.

Der Druckunterschied vom Inneren des Flugzeugs zu Außen war gewaltig. Gegenstände flogen durch die Luft, Essen, Bücher, Schwimmwesten und... Frederick. Und mit einem Mal war er draußen, im Freien.

Frederick staunte. War das überhaupt möglich? Eben noch ein unscheinbarere Geschäftsreisender und plötzlich war alles anders. Er blickte sich um. Das Flugzeug war hoch über ihm und er stürzte auf die Erde zu. Es war schon seltsam: Sollte er so sterben? Er konnte es sich nicht vorstellen. Die Sonne strahlte, der Himmel war blau, das Wetter war wunderschön. Er fiel und fiel und Frederick genoss. Es war nicht einmal kalt, was es sein hätte müssen, bei der Höhe. Er liebte es zu fliegen, frei wie ein Vogel. Er stellte sich vor Ikarus zu sein. Er schloss die Augen, fühlte in sein Inneres, spürte das Ziehen in der Magengegend und meinte mit einem Mal in der Hochschaubahn auf dem Kirtag in seinem Heimatdorf zu sein. Er öffnete seine Augen wieder.

Unter ihm kamen die Wolken immer näher. Strahlend weiß im Sonnelicht, wattig und wunderbar anzusehen. Wieder dachte er an seine Kindheit. Er hatte sich immer gewünscht auf Wolken zu schweben, auf ihnen einher zu springen zu können. Frederick überlegte, wie es wohl sein würde, von dieser herrlichen Daunendecke aufgefangen zu werden.

Es war besser, als er es sich geträumt hatte. Weich, elastisch und angenehm kühl. Er musste an ein Spinnennetz nach einem Regenguss denken, wie die Tropfen im Netz hängen und glänzen. Frederick bohrte sich Kopf voran in die Wolkendecke, die bereitwillig nachgab und seinen Fall zart abbremste. Er bemerkte gar nicht richtig, dass er zum Stillstand gekommen war und wieder in die Luft geschleudert wurde, um sich dann langsam einzupendeln.

Es war wie in seinen schönsten Träumen: Die Wolkendecke hatte ihn aufgefangen und er lag am Rücken und schaute in den blauen Himmel. Er konnte es nicht fassen. Wie war es möglich, dass er nicht abstürzte, dass die Wolken ihn trugen. Er schob die Gedanken beiseite um wieder träumen zu können. Die Wolke wiegte ihn sanft und er spürte, wie er über das Land glitt. Er stand unbeholfen auf und begann sich vorsichtig zu bewegen, was nicht leicht war, da die Wolke so nachgiebig und dehnbar war. Er begann zu hüpfen und bemerkte wie er etwa drei Meter einsank und wieder nach oben kam, wie auf einem immensen Trampolin. Fredericks Körper stellte sich rasch auf den ungewohnten Boden ein und er schlug Saltos und sprang wie ein Besessener hin und her. Er musste an einen großen, roten Gummiball denken und genauso fühlte er sich auch. Es war berauschend. Egal welche Verrenkung er auch machte, die Wolke fing ihn auf. Das Interessante war auch, dass er die Wolke gar nicht richtig fühlte, sie bremste ihn ohne dass er einen Gegendruck verspürt hätte. Er blickte gerade aus und sah nichts als die schneeweiße Wolkendecke. Frederick begann zu hüpfen und er federte über das Nichts, das ihn, auf so seltsame Weise, sicher und fest trug. Er wurde auch nicht müde, es ging so leicht und locker.

Während eines besonders weiten Satzes drehte er sich in der Luft auf den Rücken und stellte sich auf eine besonders weiche Landung ein. Es krachte und er landete auf irgendetwas Hartem. Frederick rieb sich seinen Hinterkopf und wunderte sich, was denn da in luftiger Höhe herumliegen könnte.

Was er da neben sich fand, holte Frederick auf brutalste Weise in die Realität zurück. Ihm kam in den Sinn, was schon die ganze Zeit latent in seinem Hinterkopf vorhanden gewesen war, woran er aber durch die verträumten Gefühle nicht gedacht hatte: Wie komme ich bloß von den verdammten Wolken wieder runter? Bin ich hier gefangen?

Er starrte auf die Knochen neben sich, auf die er eben gekracht war. Eindeutig sie waren menschlichen Ursprungs. Menschliche Knochen hier oben? Wie kamen sie hierher? Daneben lag etwas, das wie ein Paar wächsener Flügel aussah, zwar von Wind und Wetter stark angegriffene, aber dennoch als solche deutlich zu erkennen. Das Ende des Ikarus war offensichtlich anders, als historisch wiedergegeben. Frederick blickte auf die Knochen und wusste mit einem Mal die Antwort auf seine Frage.

 

 

©FloSchütz
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